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Ein Berichtvon
Ao.Univ.Prof.Dr.MichaelKundi, Institut für Umwelthygiene, Wien



SchwerwiegendeMängel
der im Auftrag des bm:wv durchgeführtenStudie: "Exposition der Allgemeinbevölkerung durch hochfrequenteelektromagnetische Felder " Plausibilität der gesundheitlichenUnbedenklichkeit"


Vorbemerkung:
Um Bedenken gegen den Bauvon Mobilfunkmasten zu zerstreuen, wurde im Rahmen einer Pressekonferenzam 14.1.2000 die im Titel angeführte Studie so präsentiert, alsberuhe sie auf einer Untersuchung der gesundheitlichen Auswirkungen der Emissionvon Sendemasten des modernen Mobilfunks und hätte deren Unbedenklichkeitfestgestellt. In dieser Arbeit wurden aber lediglich sieben Mess-Protokollezu elektromagnetischen Feldern in der Umgebung von Basisstationen kommentiert.Dass der Eindruck einer medizinischen Untersuchung entstanden ist, kann demAutor nicht angelastet werden, wohl aber dem Ministerium, das nicht klargenug die Einschränkungen gewürdigt hat.
Obwohl es sich also in Wahrheitum ein Gutachten zu vorliegenden Mess-Protokollen handelt, sprechen wir trotzdemdem Sprachgebrauch des Ministeriums folgend von éderStudieæ.



Stellungnahme

Der Studien-Autor führt diePlausibilität der gesundheitlichen Unbedenklichkeit auf die Unterschreitungder Grenzwerte der ÖNORM S 1120 zurück. Daher muss er sich mitUntersuchungen auseinander setzen, die das Grundkonzept, auf dem diese Grenzwerteberuhen, in Frage stellen. Dabei wird eine von der Industrie immer wiederverwendete Argumentationskette benutzt:

Die Anwendung dieser Argumentationskette zieltdarauf ab, Grenzwertableitungen unter Berücksichtigung vonUnsicherheitsfaktorenæ wie sie etwa in der Arbeits- und Umweltmedizin,der Toxikologie und Lebensmittelhygiene üblich sind, als nicht notwendigerscheinen zu lassen.

Im Folgenden werden Zitate aus der Studiedes Ministeriums kursiv dargestellt!

Zur Frage derWiederholungsuntersuchungen:

"Eine Reihe derartiger Untersuchungen(Anm: Tierexperimente, Untersuchungen in Zellsystemen) wurde speziellden niederfrequent gepulsten Mikrowellen, wie sie bei Mobilfunkanlagen Verwendungfinden, gewidmet...Bei diesen Untersuchungen wurden vereinzelt Ergebnissegemeldet, die aber in der Wiederholung nicht bestätigt werdenkonnten." (S.10)

Schon dass der Autor nicht mitteilt, um welcheUntersuchungen und welche Ergebnisse es sich handelt, muss bedenklich stimmen.Die Behauptung ist aber - jedenfalls zum jetzigen Zeitpunkt irreführendoder falsch. Die Tierversuche (Repacholi et al. 1997; Imaida et al. 1998a,b),die derzeit vorliegen, wurden noch nicht wiederholt und können daherauch nicht bestätigt sein. Das Gleiche gilt für Untersuchungenin Zellsystemen.

"Resümierend muß festgestelltwerden, daß in vereinzelten Publikationen den von Handies ausgehendenFeldern eine bestimmte, bisher nicht erhärtete Einflußnahme aufdie Funktion des Gehirns zugesprochen wurde. Diese Ergebnisse konnten bisherjedoch in keinem Fall reproduziert werden." (S.11)

Der Autor nennt hier drei Publikationen (v.Klitzing1992, 1995 und Preece 1999). Bezüglich der Studien von v.Klitzing werdenvier Wiederholungsuntersuchungen angeführt, die jedoch weder in derLiteraturliste aufscheinen, noch in der Literaturdatenbank, auf die derStudien-Autor verweist, aufgefunden werden konnten. Die Untersuchung vonPreece et al. (1999) wurde noch nicht wiederholt. Preece hat aber eine interneWiederholung mit zwei unabhängigen Personengruppen durchgeführt,die dieselben Ergebnisse erbracht hat. Von Silny werden aber eine Reihe anderereinschlägiger Untersuchungen (Reiser et al. 1995, Thuroczy et al. 1997,Ayoub et al. 1998, Eulitz et al. 1998, Freude et al. 1998), in denen Effekteder Exposition berichtet werden, unterschlagen.

 "Einzelne frühere Untersuchungenhaben auch vereinzelte Ergebnisse bei bestimmten, sehr niedrigenFeldstärken des hochfrequenten Feldes beschrieben (z.B. Adey u.a.).Derartige Ergebnisse, die als éFenstereffekteæ bezeichnet werden,konnten jedoch in der Wiederholung bisher nicht belegt und ihre Existenzmuß in Frage gestellt werden." (S.8)

Auch hier gibt der Studien-Autor keinen Hinweis,um welche Untersuchungen welcher Effekte es sich handelt. Der lapidare Hinweisauf éAdey u.a.æ nützt schon deshalb nichts, weil Prof.Adey zu fast allen Aspekten biologischer Wirkungen elektromagnetischer Feldereine umfangreiche Publikationstätigkeit aufweist. Der Hinweis auféFenstereffekteæ deutet auf das Phänomen des Kalzium-IonenEfflux hin. Dieser Effekt ist allerdings von so vielen Labors in aller Weltreproduziert worden, dass es heute nur mehr um die Frage des Mechanismusgeht, der diesem Effekt zugrunde liegt.

"In einer Studie (Mann, Röschke, 1996)wurde eine Verkürzung der Latenzzeit bis zur ersten Traumphase, dieals REM-Phase bezeichnet wird, in einem 50 nW/cm²-Nahfeld (falsch:50 µW/cm² in 40cm Abstand von Antenne) der Mobilfunkanlagenim D-Netz statistisch ermittelt. In der nachfolgenden Überprüfungdieser Resultate durch die Autoren selbst (Wagner, Röschke et al., 1997(falsch 1998) und Röschke, 1998, eingereicht zur Publikation)konnte unter Heranziehung größerer Untersuchungsgruppen und mitLeistungsdichten von bis zu 500 nW/cm² (falsch) keinreproduzierbarer Effekt gezeigt werden." (S.11)

Abgesehen davon, dass die Resultate der Studievon Mann und Röschke (1996) vollkommen falsch dargestellt werden (eswurde keine Verkürzung der REM-Latenz, sondern eine Verkürzungder Einschlaflatenz und des Anteils REM-Schlaf ermittelt) und dieÜberprüfungæ der Resultate falsch zitiert sowie die Expositionfalsch angegeben wird, wird nicht erwähnt, dass dieseWiederholungsuntersuchung bei deutlich niedrigeren Feldstärkendurchgeführt wurde, dass aber trotzdem die selben Effekte gefunden wurden;die Effekte waren im Durchschnitt sogar stärker, wegen der ebenfallserhöhten Streuung aber statistisch nur mehr tendenziell zu sichern.

Zur Frage der Anzahl vorliegenderUntersuchungen:

Von der Industrie wird immer wieder auf diegroße Zahl von Untersuchungen hingewiesen, welche dieUngefährlichkeit der Handies und der Basisstationen belegen sollten.Es wird manchmal von 10.000en manchmal von 1.000en Untersuchungen gesprochen.Damit sollen einerseits die auch der breiten Öffentlichkeit bekanntenStudien mit nicht ganz unbedenklichen Resultaten relativiert werden undandererseits soll der Eindruck erweckt werden, dass man die Bevölkerungnicht ohne gründliche Abklärung einem Risiko ausgesetzt hat. Spezielldie Frage eines möglichen Krebsrisikos wird unter Hinweis auf die vorgeblichüberwältigende Vielzahl von Studien mit negativen Resultatenabgewehrt.

Genau in dieser Argumentationslinie befindetsich auch der Studien-Autor, wenn er schreibt: "In Anbetracht dieserzahlreichen Untersuchungen mit überwiegend negativen Resultaten erscheintes sehr unwahrscheinlich, daß die Felder der Basisstationen im Alltag,die noch um mindestens 3 Zehnerpotenzen schwächer sind als die Felderder Handies sowie der UKW- und Fernsehsender, irgendeine krebspromovierendeWirkung ausüben können." (S.10)

Tatsache ist, dass es derzeit erst zwei publizierteepidemiologische Untersuchungen zu Handies gibt (zu Basisstationen keine!),die aber beide (Rothman et al. 1997; Hardell et al. 1999) auf die noch zukurze Expositionszeit hinweisen. Hardell et al. 1999 finden eineäußerst bedenkliche Assoziation der Lokalisation von Hirntumorenmit der Seite an der überwiegend telefoniert wurde. Aber auch dieseResultate sind wegen der zu geringen Fallzahl und zu kurzen Latenzzeit nichtaussagekräftig. Tierversuche zu dieser Thematik gibt es drei, von deneneine (Repacholi et al. 1997) eine hochsignifikante Erhöhung der Lymphomrateberichtet, zwei weitere Untersuchungen (Imaida et al. 1998a,b) mit einemLebertumor-Promotionsmodell waren negativ, wobei allerdings die Tauglichkeitdes Leberzellmodells für die Untersuchung elektromagnetischer Felderin Frage gestellt wird. Es gibt dann noch einige Untersuchungen mit Zellkulturen,die signifikante Auswirkungen der Exposition berichten (z.B. Maes et al.1996, Penafiel et al. 1997, Goswami et al. 1999) und auch einige mit negativenBefunden. Insgesamt gibt es zur Frage eines Zusammenhangs der Expositionvon Mobilfunkeinrichtungen und Krebs weniger als 20 veröffentlichteUntersuchungen, von denen keineswegs die Mehrheit énegativeResultateæ erbracht hat.

Es ist auch gelinde gesagt irreführend,wenn der Studien-Autor zusammenfassend schreibt: "Die obige Aufstellungzeigt, daß für die Felder der Basisstationen im GSM-900 undDCS-1800-Feld bisher keine relevanten Ergebnisse zur direkten Beeinflussungdes Organismus publiziert wurden." (S.14), denn es wurden zu Basisstationenbisher überhaupt noch keine Ergebnisse zu gesundheitlichen Aspektenoder zur Beeinflussung des Organismusæ publiziert (wenn manvon einer einzigen Untersuchung absieht, die menschliche Blutzellen exponierte" Maes et al. 1996).

Zur Frage der Vorsorgeschwellen:

Im Kapitel 4 (Festlegung der Sicherheits-und Vorsorgeschwellen in Österreich und anderen westlichenLändernæ) geht der Studien-Autor auf die Grundlage der Ableitungder Grenzwerte der ÖNORM S 1120 ein. Diese Darstellung ist extremverkürzt, aber im wesentlichen korrekt. Es wird allerdings mit keinemWort erwähnt, dass andere Länder (Schweiz, Italien) von einer anderenGrundlage ausgehen. Es werden auch nicht die Grundprobleme dieserGrenzwertphilosophie genannt, und es wird der Eindruck vermittelt (schonmit der Begriffswahl in der Überschrift), dass hier dem VorsorgeprinzipRechnung getragen wird. Demgegenüber stellt die ebenfalls vom bm:wv1999 herausgegebene Broschüre éFakten über elektromagnetischeFelderæ fest: "Es gibt vorläufig noch keine Beispiele dafür,dass die Anwendung des Vorsorgeprinzips auf elektromagnetische Felder versuchtworden wäre." (Teleletter 5/6/1999, S.13). Tatsächlich wird inder Ableitung der Grenzwerte sowohl der ÖNORM S 1120 als auch derjenigender ICNIRP der Vorsorgegedanke nicht berücksichtigt, indem alleUntersuchungen keinen Eingang fanden, die nicht in das Konzept thermischerWirkungen passen.

Zur guten wissenschaftlichenPraxis:

Die Studie weist aufihren nur 20 Seiten so viele sachliche und andere Fehler auf, dass hier nichtRaum ist, auf alle hinzuweisen. Nur einige wenige seienherausgegriffen:

Auf Seite 11 wird eine eigene Untersuchung(Silny, 1999) der Laienöffentlichkeit vorgestellt, ohne dass diese bereitswissenschaftlich publiziert und so der Kollegenschaft zur Kritik vorgelegtworden wäre. Das ist ebenfalls eine sehr fragwürdige Vorgangsweise,zumal diese Untersuchung als Argument gegen eine bereits veröffentlichteStudie ins Treffen geführt wird.

Gravierende Mängel weist auch die Darstellungder sieben Messprotokolle auf. Es fehlt durchwegs Angaben über die Antennen(ihre Lage in Bezug zum Messpunkt, ihre Leistung, ihr Antennengewinn, ihreAbsenkung, die Hauptsenderichtungen etc.), ja nicht einmal die Entfernungzur Antenne wurde angegeben. Eine Beurteilung, inwiefern die ausgewähltenMessungen typisch für die Situation bei Anrainern sind, ist daher nichtmöglich.

Die Studie "Expositionder Allgemeinbevölkerung durch hochfrequente elektromagnetische Felder" Plausibilität der gesundheitlichen Unbedenklichkeit" weist, wie wirhier gezeigt haben, so schwere Mängel auf, dass sie von verantwortlichenPersonen nicht dazu verwendet werden darf, um damit zu versuchen, Bedenkender Bevölkerung hinsichtlich gesundheitlicher Auswirkungen vonMobilfunkanlagen zu zerstreuen.


Literatur

Ayoub, J., de Seze, R., Sebban,C. and Miro, L. (1998). Effects of mobile phones on EEG in humans. COST244,Zagreb.

Eulitz, C., Ullsperger, P., Freude,G. and Elbert, T. (1998). Mobile phones modulate response patterns of humanbrain activity. Neuroreport, 9(14), 3229-3232.

Freude, G., Ullsperger, P., Eggert,S. and Ruppe, I. (1998). Effects of microwaves emitted by cellular phoneson human slow brain potentials. Bioelectromagnetics, 19(6),384-387.

Goswami, P. C., Albee, L. D.,Parsian, A. J., Baty, J. D., Moros, E. G., Pickard, W. F., Roti Roti, J.L. and Hunt, C. R. (1999). Proto-oncogene mRNA levels and activities of multipletranscription factors in C3H10T1/2 murine embryonic fibroblasts exposed to835.62 and 847.74 MHz cellular phone communication frequency radiation.Radiat Res, 151(3), 300-309.

Hardell, L., Nasman, A., Pahlson,A., Hallquist, A. and Mild, K. H. (1999). Use of cellular telephones andthe risk for brain tumours: A case-control study. Int J Oncol,15(1):113-116.

Ihrig, I., Schubert, F., Habel,B., Haberl, L. and Glaser, R. (1999). The UVA light used during the fluorescencemicroscopy assay affects the level of intracellular calcium being measuredin experiments with electric-field exposure. Radiat Res, 152(3),303-311.

Imaida, K., Taki, M., Yamaguchi,T., Ito, T., Watanabe, S., Wake, K., Aimoto, A., Kamimura, Y., Ito, N. andShirai, T. (1998a). Lack of promoting effects of the electromagnetic near-fieldused for cellular phones (929.2 MHz) on rat liver carcinogenesis in a medium-termliver bioassay. Carcinogenesis, 19(2), 311-314.

Imaida, K., Taki, M., Watanabe,S., Kamimura, Y., Ito, T., Yamaguchi, T., Ito, N. and Shirai, T. (1998b).The 1.5 GHz electromagnetic near-field used for cellular phones does notpromote rat liver carcinogenesis in a medium-term liver bioassay. JpnJ Cancer Res, 89(10), 995-1002.

Maes A., Collier M., Slaets D.and Verschaeve L. (1996). 954 MHz microwaves enhance the mutagenic propertiesof mitomycin. Environ. Mol. Mutagen. 28: 26-30.

Penafiel, L. M., Litovitz, T.,Krause, D., Desta, A. and Mullins, J.M. (1997). Role of modulation on theeffect of microwaves on ornithine decarboxylase activity in L929 cells.Bioelectromagnetics, 18(2), 132-141.

Reiser, H., Dimpfel, W. and Schober,F. (1995). The influence of electromagnetic fields on human brain activity.Eur J Med Res, 1(1), 27-32.

Repacholi M.H., Basten A., GebskiV., Noonan D., Finnie J. and Harris A.W. (1997). Lymphomas in Eµ-Pim1transgenic mice exposed to pulsed 900 MHz electromagnetic fields.Radiation Res. 147, 631-640.

Rothman, K. J., Chou, C. K., Morgan,R., Balzano, Q., Guy, A. W., Funch, D. P., Preston Martin, S., Mandel, J.,Steffens, R., and Carlo, G. (1996). Assessment of cellular telephone andother radio frequency exposure for epidemiologic research [see comments].Epidemiology, 7(3), 291-298.

Thuroczy, G., Kubinyi, G., Sinay,H., Bakos, J., Sipos, K., Lenart, A. and Szabo, L.D. (1997). Human studieson potential influence of RF exposure emitted by GSM cellular phones on cerebralcirculation and electroencephalogram (EEG). Second World Congress for Electricityand Magnetism in Biology and Medicine, Bologna, Italy, June 1997, 164 ;M-2.

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